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Die ehemalige Beilsteiner Synagoge © Rainer Vitz 

Beilstein und seine jüdische Gemeinde – Rundbrief vom Regionalverband Cochem-Zell – Januar 2022

18.01.2022

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Der kleine Moselort Beilstein besaß seit dem beginnenden 14. Jahrhundert eine bedeutende jüdische Gemeinde. Der damalige Herrscher über Burg und Städtchen, Johann von Braunshorn, konnte sich 1310 über die gleichzeitige Ansiedlung von 10 jüdischen Familien (d.h. etwa 60-70 Personen) freuen. 

Was Johann von Braunshorn bewog den zehn jüdischen Familien Raum für ihre Besiedlung ausschließlich hinter der nördlichen und teilweise westlichen Stadtmauer zu gewähren ist heute schwer zu sagen.Ob er ein abgeschlossenes Ghetto (das heißt einen separierten und verschließbaren Stadtbereich) für die Beilsteiner Juden vorsah, ist eher unwahrscheinlich. Die zwei überbauten Tore, die heute in Beilstein in der Forschung mitunter als Eingangs- bzw. Ausgangstore des Judenviertels bezeichnet werden, sind weit jüngeren Datums.

Wahrscheinlicher ist es, dass Johann von Braunshorn das Gewähren der jüdischen Ansiedlungen mit dem Bau bzw. Unterhalt der Stadtmauer in diesem Teil Beilsteins im Jahre 1310 verband. Auch dürfte es den angesiedelten Juden leicht gefallen sein, sich im nord-westlichen Teil Beilsteins gewissermaßen zu separieren. Eine Separierung war nicht unbedingt von der Obrigkeit vorgegeben, sondern lag auch im Interesse der Juden selber. Völlig unterschiedlicher Kult, unterschiedliche Feiertage, andersartige Feste, Essgewohnheiten, Bet-Zeiten, ein komplett andersartiges soziales Gefüge, all das machte ein Zusammenleben zwischen Christen und Juden in unmittelbarer Nachbarschaft nicht konfliktfrei. Ein Zusammenleben mit jüdischen Nachbarn hat den Alltag hier sicherlich einfacher gemacht.

Die Ansiedlung der Jüdischen Gemeinde in Beilstein im Jahr 1310

Der erste bedeutende Herrscher auf Beilstein, Johann von Braunshorn, war Haushofmeister von König Heinrich VII, hatte diesem wohl gute Dienste geleistet und stand ihm recht nahe. Heinrich verlieh ihm 1309/10 das Stadtrecht und genehmigte ihm die Ansiedlung von zunächst 40 Bürgern und 10 jüdischen Haushaltsvorständen mit ihren Familien. Die Anzahl von 10 Familien war kein Zufall – konnte eine eigenständige jüdische Gemeinde mit regelmäßigem Gottesdienst sich erst gründen mit dem Bestehen des sogenannten Minjans (das heißt zehn oder mehr im religiösen Sinne mündige Männer). Heinrich VII hatte an der Gründung der jüdischen Gemeinde in Beilstein auch ein eigenes Interesse. So spülten ihm zehn weitere Schutzjuden diverse Einnahmen (Leibzoll, Krönungssteuern, Toleranzgeld für den Aufenthalt im Reich und weitere Abgaben) in seine Schatullen. Johann von Braunshorn konnte sich ebenfalls über das Erheben von diversen Steuern freuen, die er von den Juden einnahm. Die Ansiedlung der Juden ganz zu Beginn der Beilsteiner Stadtgründung hatte also insbesondere fiskalisch/ ökonomische Gründe.

Die meisten der 1310 nach Beilstein gekommenen Juden kamen vom Mittelrhein, insbesondere aus Oberwesel. Im Raum Oberwesel/ Bacharach kam es seit 1287 immer wieder zu Ritualmordvorwürfen an den Juden. Man warf ihnen vor, den 16- jährigen Weinbergsarbeiter Werner im Jahre 1287 ermordet zu haben, um sein Blut beim Passachfest zu verwenden. In Folge dieser absurden antijudaistischen Vorwürfe und der damit einhergehenden Pogromstimmung verließen zahlreiche jüdische Bürger den Raum Oberwesel/ Bacharach.

Die Beilsteiner Synagoge

Es ist davon auszugehen, dass die zehn jüdischen Familien rasch bestrebt waren in dem, ihnen zugewiesenen Territorium ein eigenes Bethaus zu errichten. Eine eigene Betstätte (griechisch: Synagoge), bedeutet so viel wie Haus der Zusammenkunft) ist im Gegensatz zu einer christlichen Kirche kein geweihter Ort mit ausschließlicher Gottesdienstfunktion, sondern oftmals ein Mehrfunktionsraum. Ein jüdischer Gottesdienst könnte theoretisch an jedem Ort der Welt stattfinden. Voraussetzung ist lediglich das Vorhandensein des Minjans und bestimmter kultischer Gegenstände. Berücksichtigt man, dass eine solche Versammlungsstätte (insbesondere in den kleinen jüdischen Landgemeinden) zumeist auch als Lehrraum zur Unterweisung der Thora genutzt wurde, dass hier mitunter Hochzeiten, Familienfeste und andere jüdische Feste gefeiert wurden, ist es hochwahrscheinlich, dass die Beilsteiner Judengemeinde von Beginn an, d.h. ab 1310 ein solches Versammlungshaus angestrebt hat. Dieses wird sie mit Sicherheit auch im jüdischen Viertel gebaut haben. Das heutige Gebäude stammt, was die Westfassade angeht, aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunders, die Ostfassade dem Ortsinnern zugesandt höchstwahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert. Ob der Kern des Gebäudes, hier vor allem der hintere Teil zur Weingasse hin gelegen, älteren Datums ist müsste durch eine intensive historisch bzw. dendrochronologische Bestandsuntersuchung geklärt werden.

Ehemlige Beilsteiner Synagoge © Rainer Vitz

Eine Mikwe in Beilstein?

Zu einer jüdischen Gemeinde gehört seit alters her eine Mikwe, also ein rituelles Tauchbad. Die Mikwen dienten nicht der Reinigung d.h. Körperpflege sondern der rituellen Befreiung von „Unreinheiten“, zu denen bestimmte Körperflüssigkeiten, aber auch der Kontakt zu Toten gehört. Der Besuch des Gottesdienstes war mitunter ohne den Besuch der Mikwe nicht möglich. Eine Jüdische Gemeinde mit reichhaltigem jüdischen Leben und Synagogenbetrieb, wie dies in Beilstein der Fall war, ist kaum vorstellbar ohne ein eigenes kultisches Bad. Es ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die Beilsteiner Judengemeinde eine solche Mikwe besaß. Unter Berücksichtigung dieser Gegebenheit und der herausragenden Bedeutung der Beilsteiner Judengemeinde für den ganzen Moselkrampen kann es als nahezu gesichert gelten, dass die Synagoge ein eigenes kultisches Ritualbad besaß. Die Zuleitung mit „lebendigem Wasser“ (das konnte Grundwasser, Quellwasser, Regenwasser, aber auch alle anderen fließenden Gewässer sein) war durch den nahegelegenen Hinterbach (heute überbaut mit der Umgehungsstraße Alte Wehrstraße) gegeben. Wahrscheinlich hat sich dieses kultische Becken im tonnengewölbten Keller des Synagogengebäudes befunden.

Die Beilsteiner Judenschule

Lernen und Lehren haben im Judentum traditionell eine sehr große Bedeutung. Nicht nur der Disput und die Interpretation religiöser Schriften waren den Juden wichtig, es galt auch als wichtig, den Kindern, insbesondere den Jungen, Sprachkenntnisse, Rechnen, Schreiben, Geografie und Naturwissenschaften zu vermitteln. Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in der Preußischen Rheinprovinz wurde es 1824 auch den jüdischen Gemeinden erlaubt, öffentliche konfessionelle Schulen einzurichten. Die zu diesem Zeitpunkt schon recht bedeutende Judengemeinde Beilsteins nahm diese Möglichkeit wahr und erweiterte das Synagogengebäude in den Folgejahren moselseitig über die ehemalige Stadtmauer hinaus um knapp drei Meter. Raphael Marx, erster namentlich erwähnter Lehrer, unterrichtet zwischen 1837 und 1842 bis zu 20 jüdische Schüler. Sein Nachfolger wurde im gleichen Jahr Samuel Borek. Aber schon im darauf folgenden Jahr, 1843 verließ Lehrer Borek Beilstein wieder. Vor allem die Abwanderung junger Familien ließ die Zahl der Schulkinder auf 12 absinken. Die Beilsteiner Judengemeinde konnte unter diesen Umständen keinen eigenen Lehrer mehr bezahlen und beendete den Schulbetrieb. Noch einmal versuchte man eine eigene jüdische Schule aufzubauen. Zwischen 1863 und 1867 suchte die Israelitische Gemeinde zu Beilstein per Anzeige einen jüdischen Lehrer, den man schließlich 1866 in Person des Karl Simon fand. Aber schon ein Jahr später, 1867, entließ man ihn. Simon war der letzte Lehrer in der jüdischen Beilsteiner Schule. 1867 gab die Gemeinde dann endgültig den Versuch auf, eine eigene Schule zu betreiben. Ab 1867 besuchten die jüdischen Kinder die katholische Dorfschule im Beilsteiner Bürgerhaus auf dem Marktplatz.

Der jüdische Friedhof

Der jüdische Friedhof Beilsteins liegt östlich der Burg in einem kleinen Wäldchen, etwa 300 Meter außerhalb des Ortskerns. Hier bestatteten nicht nur die Beilsteiner Juden ihre Toten, sondern auch Familien aus dem nahe gelegenen Senheim, Mesenich, Ediger-Eller, Bremm und Bruttig. In Beilstein steht der älteste noch lesbare Grabstein an der nördlichen Spitze des Areals (Richtung Burgruine). Die Gräberreihen verjüngen sich nach Süden hin und lassen als jüngste Grablege eine Stele für Eva Simon aus Bruttig erkennen, gestorben am 1.1.1938. Danach hat es keine Beerdigungen mehr gegeben. Nach dem Progrom vom November 1938 wanderten immer mehr jüdische Familien aus dem Kreis aus. Die es nicht rechtzeitig schafften, wurden ab 1941/42 in die Konzentrationslager deportiert. In der Folge hat man den Friedhof sich selber überlassen und die Natur hat sich seiner bemächtigt, was ein Stück auch jüdischer Tradition entspricht. Eine zielgerichtete Schändung bzw. Zerstörung hat es in der NS-Zeit wohl nicht gegeben. Auffällig jedoch bei vielen Grabstelen ist das Fehlen der inneren Intarsienplatten, oft aus Marmor oder geschliffenem Granit angefertigt. Diese Platten mit Grabinschriften, Geburts- und Todesdaten sind heute kaum noch vorhanden.

Der jüdische Friedhof in Beilstein © Rainer Vitz

Ob hier die NS-Zeit mit ihren antisemitischen Taten und Exzessen ursächlich ist, lässt sich heute nur noch vermuten.

Sukkotdächer in Beilstein

Eine Besonderheit, die bis in das beginnende 20. Jahrhundert das Stadtbild Beilsteins stark bestimmt haben dürfte waren die sogenannten Sukkot-Dächer in Beilstein. Das war eine technische Besonderheit, die es ermöglichte Teilbereiche eines verschieferten Dachstuhles aufzuklappen. Erklärbar war diese Eigentümlichkeit mit den Erfordernissen, die das einwöchige jüdische Sukkotfest im Herbst mit sich brachte. Das sieben-tägige Sukkotfest, oder auch Laubhüttenfest, wird von den Juden im Herbst gefeiert; ursprünglich als Erntedankfest, später auch als Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten unter der Anführerschaft von Moses. (etwa 1300 Jahre v.u. Zeitrechnung). Während der 40- jährigen Wüstenwanderungen lebten die Israeliten in Zelten oder provisorischen Hütten. Der Aufenthalt der jüdischen Familie während des Sukkotfestes in solchen Hütten, die meist aus Zweigen, Flechtwerk, Laub, Stroh usw. errichtet wurden und mit einem provisorischen teilweise lichtdurchlässigem Dach aus Zweigen und Laub gedeckt waren, sollte an diese entbehrungsreiche Zeit erinnern. Die Sukka/ Laubhütte musste im Freien stehen und den Blick zum Sternenhimmel ermöglichen. Das war für die jüdischen Beilsteiner im Ortskern nur sehr schwer zu erfüllen – besaßen doch die wenigsten Wohnhäuser einen Hof, Garten oder ähnliches. Beilsteiner Juden setzten das göttliche Gebot, sieben Tage unter freiem Himmel zu leben in einer höchst kreativen Form um, indem man das mit Schiefer gedeckte Satteldach mit einer Mechanik versah, die es ermöglichte Teile des Daches aufzuklappen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts dürfte es etwa ein Dutzend dieser Sukkotdächer in Beilstein gegeben haben. Die letzten beiden (die ehemalige Jugendherberge und das heutiges Gasthaus „Gute Quelle“, beides auf dem Marktplatz gelegen) wurden durch Sanierung der Dächer in den 1950er und 1960er Jahren zerstört.

Zerfall der jüdischen Gemeinde

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zerfielen die jüdischen Gemeinden im heutigen Kreisgebiet. Diese Entwicklung traf auch auf Beilstein zu. Die Judenemanzipation im Wilhelminischen Reich ab etwa 1871, aber auch eine zunehmende Assimilation ließ vor allem junge Familien in die preußischen Metropolen ziehen. Sie sahen im Leben ihrer Väter und Großväter als Landjuden keine erstrebenswerte Zukunft mehr. Gab es in den 1830er Jahren noch bis zu 20 Jüdische Schulkinder am Ort, hat man 1867 den Gedanken an eine eigene jüdische Schule in Ermangelung ausreichender Schülerzahl aufgegeben. Den letzten jüdischen Gottesdienst hat die Beilsteiner Synagoge wohl vor dem ersten Weltkrieg gesehen und man sah sich gezwungen die Gemeinde auch offiziell aufzulösen und sich von den letzten Kultusgegenständen zu trennen. In einer Anzeige vom 16. April 1920 veröffentlicht im „Jüdischen Boten vom Rhein – Jüdisches Wochenblatt“ bot die israelitische Gemeinde zu Beilstein aufgrund ihrer Selbstauflösung diverse Kultusgegenstände, Bücher, selbst eine Thorarolle zum Kauf an. Wenige Jahre später verkaufte Sigmund Lipmann auch das Synagogengebäude in der Weingasse. Die mehr als 600 Jahre alte jüdische Gemeinde zu Beilstein existierte nicht mehr.

Die Zeit der NS- Verfolgung

Mit der Machtübertragung an die NSDAP am 30. Januar 1933 wurde das Leben für Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland sukzessive unerträglich. Von der ehemals großen jüdischen Gemeinde in Beilstein wohnten zu Beginn des Jahres 1933 in Beilstein nur noch das Ehepaar Karl und Theresia Koppel und die Schwester von Karl Koppel. Der Weingutsbesitzer und Gastwirt Sigmund Lipmann war im Jahr zuvor, 1932 verstorben. Alle anderen jüdischen Familien waren in den Jahren zwischen 1900 und etwa 1930 von Beilstein fortgezogen, was sie in den seltensten Fällen vor Verfolgung bewahrte. 14 Beilsteiner jüdischen Glaubens wurden zwischen 1942 und 45 von der Mordmaschinerie des NS-Staates umgebracht.

Was erinnert heute noch an die Jüdische Gemeinde Beilstein?

Vergegenwärtigt man sich, wie bedeutend die jüdischen Beilsteiner mehr als 600 Jahre für den Ort waren, so ist es recht betrüblich wie wenig an das jüdische Beilstein heute noch erinnert. Der jüdische Friedhof liegt außerhalb des Ortskernes und wird von den allerwenigsten Touristen wahrgenommen. Auch gibt es im Ortskern keinerlei Hinweis mehr auf diesen Friedhof. Es bleibt zu hoffen, dass die bedeutende jüdische Vergangenheit in Beilstein sich zukünftig eines größeren Interesses erfreuen darf. Weitergehende Informationen mit zahlreichen historischen Fotodokumenten finden sich auf der Internetseite des Autors: www.stadtfuehrungen-beilstein.de

 

Ein Bericht von
Rainer Vitz

Relief zur Treidelschifffahrt in St. Aldegund © Gerhard Schommers

Als Erinnerung an die Zeit der Treidelschifffahrt richtete die Gemeinde an der Abzweigung Klosterkammerstraße – Bergstraße den „Bugramm-Platz“ mit einem von Christoph Anders geschaffenen Relief. Es zeigt die Anlegeszene. Der Schiffsführer rief den Pferdeknechten und den mithelfenden Aldegunder Bürgern „Bug an die Ramm“ zu. Daraus entstand der Spottname „Bugramm“ und für die Einwohner „Bugrammer“. 

Die romanische „Alte Kirche“.
Die romanische Kirche steht an der Stelle eines uralten Kultplatzes. Schon die Kelten sollen dort ihre Götter verehrt haben. Ein Hinweis ist der Gemarkungsname „Phal“ für das Gelände unmittelbar an der Kirche jenseits des Baches. „Phal“ war der Lichtgott der Kelten. Die Existenz der Kirche ist in einer Urkunde des Klosters Stuben vom Jahr 1144 als Kirche „apud Sanctam Aldegundam“ erstmals erwähnt. Die „geostete“ Kirche (der Altarraum liegt Richtung Osten vom Kirchenschiff her gesehen) ist ein romanischer Bau der wie nahezu alle romanischen Sakralbauten alle nachfolgenden Baustile mit „erlebt“ hat. In der Gotik, 1351, erhielt die Kirche ein gotisches Gewölbe das allerdings nur rund hundert Jahre, wohl wegen Baumängeln, Bestand hatte. An der Frontseite des Altarblocks findet man einen Stein eingelassen mit der Jahreszahl 1451. In diesem Jahr wurde im Innern der Kirche erneut „umgebaut“ und die Kirche erhielt vermutlich eine Flachdecke. Hinter diesem Stein fand man Reste von Reliquien und die Weiheurkunde von 1451. Die nur noch als Fragmente und „Schatten“ erhaltenen gotischen Fresken entstanden vor der auf 1451 belegten Neueinweihung der Kirche. Das Fenster links des Kircheneingangs zeigt deutlich gotische Konturen. Um 1600 wurde die hölzerne Empore eingebaut.

Neuromanische Kirche in St. Aldegund an der Mosel © Henk Monster, wikimedia

Um 1760, also in der ausgehenden Zeit des Barock, erlebte das Kircheninnere eine weitere Veränderung:“. Auf den romanischen Altarblock stellte man um 1765 einen Marienaltar im Stil des ausgehenden Barock aus der Werkstatt des Holzbildhauers Eckert. Dieser Altar steht heute in der neugotischen Pfarrkirche am Moselufer. In den Jahren nach 1860 hatte die Bevölkerung von St. Aldegund den Wunsch eine größere Kirche in der Ortsmitte zu bauen, auch weil die „Alte Kirche“ die wachsende Bevölkerung bei den Gottesdiensten nicht mehr aufnehmen konnte.
Nach Fertigstellung der „neuen“, neugotischen Kirche wurde die „Alte Kirche“ verlassen. In den Folgejahren verkaufte die Gemeinde wesentliche Teile der Ausstattung der Alten Kirche – wohl um die „neue“ Kirche finanzieren zu können. Die „Alte Kirche“ verfiel und die Gemeinde beantragte 1898 den Verkauf der Kirche „auf Abriss“ (zur Gewinnung von Baumaterial). Das Bistum verfügte jedoch einen Abriss des Kirchenschiffs, nur der Turm sollte erhalten bleiben.
Diese Anordnung wurde gottlob nicht umgesetzt. Nach 1913 wirkte Dr. Hans Vogts als Leiter der Baubehörde des damaligen Kreises Zell. Vogts erkannte den Wert der historischen Kirche und sorgte in den Jahren 1912/1913 für eine Sicherung der Bausubstanz, vor allem für ein regendichtes Dach und eine einfache Verglasung der bis dahin leeren Fensterhöhlen. Im ersten Weltkrieg musste die Kirche allerdings für militärische Zwecke, also als Pferdestall, Lager, dienen. Aber auch im 2. Weltkrieg wurde der damalige Pastor Wagner gezwungen, den Kirchenschlüssel auszuhändigen weil die Kirche wiederum vom Militär genutzt werden sollte. Die St. Aldegunder unternahmen alles was in der Nachkriegszeit möglich war, um die Kirche wieder benutzbar zu machen. Die in den Berg hinein gebaute Kirche erhielt in den 50er Jahren außen eine Wasser ableitende Dränage weil das „Bergwasser“ durch den Kirchenraum lief. Ein erster Schritt für eine „Wiederherstellung“ der Alten Kirche war der Rückkauf der schmiedeeisernen Kanzel von 1663. Diese war wie fast die gesamte Ausstattung der Kirche um 1880 an den Kunstsammler Nellessen verkauft worden. Leonhard Scheid aus St. Aldegund fand Anfang 1958 in der FAZ eine Notiz über den Verkauf einer historischen Kanzel aus der Kirche von St. Aldegund an der Mosel. Scheid zog alle Register um den Kaufpreis von rund 5.000 Mark zusammen zu bekommen und der Rückkauf gelang.
Man erinnerte sich auch an einen wertvollen Stein-Altar der auf dem rechten Altarblock gestanden hatte. Dieser Altar war um 1600 im Auftrag der Witwe des Orts-Vogtes Niclas Rultz vom berühmten Trierer Bildhauer Hans Ruprecht Hoffmann geschaffen worden. Das Renaissance-Epitaph zeigt die Kreuzigungsszene mit der Stifterfamilie Rultz im Vordergrund.
Aus der Sammlung Nellessen gelangte das wertvolle Steinepitaph Anfang der 1950er Jahre in den Besitz der Eheleute Peter und Irene Ludwig aus Aachen. Auf Einladung der St. Aldegunder besuchten Peter und Irene Ludwig Anfang der 1960er Jahre die „Alte Kirche“. Die über 800 Jahre alte romanische Kirche weckte das Interesse der Eheleute Ludwig so dass sie nach kurzer Zeit eine Vereinbarung vorschlugen:
– Die Kirche soll umfassend saniert und nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten restauriert werden.
– Die Eheleute Ludwig unterstützen die Kirchengemeinde bei dieser kostspieligen Maßnahme finanziell
– Nach Abschluss der Renovierung kehrt der Altar als Leihgabe nach St. Aldegund zurück.
– Die Eheleute Ludwig erhalten eine Grabstätte in der Kirche.

Nachdem ein Sanierungsplan in Zusammenarbeit mit der bischöflichen und der staatlichen Denkmalpflege erstellt war und die Finanzierung gesichert begannen die Arbeiten 1967. Die Kirche erhielt einen komplett neuen Außenputz. Dach und Turm wurden neu verschiefert, die von mehreren Farbschichten überdeckten gotischen Fresken und die barocke Ausmalung wurden freigelegt, die Fenster erhielten eine Bleiverglasung, Teile des Innenputzes mussten erneuert werden. Die historischen Glocken waren im zweiten Weltkrieg eingezogen worden und wurden durch drei identische Neugüsse durch die Glockengießerei Mark in Brockscheid ersetzt. Der Wunsch, Grabstätten in der Kirche einzurichten fand keine Zustimmung des Bischofs. Stattdessen wurden an der Ostseite der Apsis von außen zugängliche Grabkammern unter dem Altarraum gebaut.

Die Neukonsekration der Kirche fand am 3. Oktober 1971 nach Abschluss der Arbeiten durch den damaligen Bistumskonservator Prof. Dr. Franz Ronig statt.
Heute dient die Kirche für gelegentliche Gottesdienste, sie ist stets Schlusspunkt der regelmäßigen Dorfführungen, jährlich finden mehrere Konzerte in der Kirche statt und Besucher können sich in der Nachbarschaft den Schlüssel zum Besuch der Kirche ausleihen.
Es ist noch zu berichten, dass die dem heiligen Apostel Bartholomäus geweihte Kirche seit Jahrhunderten Wallfahrtsort war. Bartholomäus, als Schutzpatron des Viehs der Bauern der Umgebung verehrt, wurde insbesondere an seinem Todestag, dem 24. August, von zahllosen Bauern aus der Umgebung um Hilfe für die Gesundheit des lebenswichtigen Viehs gebeten. Der Andrang war so groß dass die Kirche die Wallfahrer nicht fasste und an der Nordseite eine heute nicht mehr vorhandene Außenkanzel errichtet wurde.
Bei der Umgestaltung des Kircheninnern zur Barockzeit erhielt das Kirchenschiff über dem Altarraum einen sogenannten „Dachreiter“. Hier fand eine kleine Glocke, im Dorf wegen ihres hellen Klangs das „Bimbam-Gläckelche“ genannt, ihren Platz. Glockenfachleute bescheinigen dieser Glocke einen Guss in der Zeit um 1200. Die Glocke dürfte damit eine der ältesten noch läutbaren Glocken im Moselraum sein. Mehr Informationen hierzu gibt eine Tafel unter der Empore im Kirchenschiff.
Die Eheleute Ludwig fanden in der Gruft unter dem Altarraum ihre letzte Ruhestätte. Zur Ausstattung der Kirche ist noch zu berichten:
Auf dem linken Seitenaltar steht die Skulptur eines leidenden Christus mit der Geiselsäule. Diese wertvolle Darstellung des „Christus in der Rast“, häufig auch als „Ecce homo“ bezeichnet, ist das Geschenk eines aus St. Aldegund stammenden Abtes eines Klosters in Lothringen. Die Säule trägt auf dem Kapitell die Jahreszahl 1522.
Die auf einer Mondsichel stehende Madonna an der Südseite des Kirchenschiffs wird auf etwa 1600 datiert. Sie schmückte die Kapelle am Ende der „Kehr“, dem „Kehr-Heiligenhäuschen“. Nachdem in den 1960er Jahren immer wieder wertvolle Skulpturen aus offenen Feldkapellen gestohlen wurden holte man die Madonna „ins Tal“. Sie wurde später restauriert und in der Alten Kirche aufgestellt.
Unter der Empore steht der auf 1656 datierte Taufstein der Kirche.

Die Vorstellung von St. Aldegund ist sehr lang geworden. Man verzeihe mir meine Begeisterung für mein Heimatdorf. Aber es gibt noch viel mehr zu berichten und zu sehen. Sobald Corona das zulässt werden wieder Dorfführungen angeboten. Das ist für Gruppen ab sechs Teilnehmern möglich. Anmeldung gerne telefonisch oder per Mail (s. unten)

Die Mehrzahl der Texte und Fotos sind dem 2020 erschienenen Buch „Wissenswertes über St. Aldegund, früher und heute“ entnommen. Das Buch, 135 Seiten mit vielen interessanten Informationen und Fotos kann für € 16,00 erworben werden. Kostenloser Versand ist gerne möglich. Bestellungen an Gerhard Schommers, 06542 22285 oder info@schommers-wein.de

Ein Bericht von 
Gerhard Schommers
RV Cochem-Zell

Brauerei bei Senhals
An weiteren interessanten Gebäuden und Plätzen sind Objekttafeln angebracht, die über ihre Historie und ihre Besonderheiten informieren. Die Tontafeln stammen von dem ortsansässigen Künstler Christoph Anders.
Hier eine Auswahl:

In Senheim

Pfarrhaus (Brunnenstraße, Marktstraße)
Pfarrhaus und angrenzendes Ökonomiegebäude Mitte des 18. Jh. von Pfarrer Knechts gebaut.
Wohnhaus (Brunnenstraße)
Großer Putzbau mit Kopfwalmdach und eleganter Fassade. Das feine Traufgesims mit Zahnschnittfries, errichtet um die Mitte des 19. Jhs.
Altes Winzerhaus (Brunnenstraße)
Typischer moselländischer Steinbau des 15. Jhs. Bemerkenswert der hohe 3 geschossige Speicher. Erweiterung um 1700. Mit überstehendem Fachwerk.
Hotel-Restaurant-Schützen (Brunnenstraße)
1840 erbaut und ist seitdem als Gaststätte im Besitz der Fam. Schützen. Der Erker mit barockisierten Reliefs entstand 1924.
Park (Brunnenstraße, Neustraße)
Klein-Park-Anlage, früher Versammlungsstätte der Bürger. Öffentliche Bekanntmachungen der Gemeinde bis 1967 und andere Veranstaltungen. Heute: Kommunikationszentrum für Bürger und Gäste.
Winzerhaus (Marktstraße)
Haus der ehemaligen Senheimer Winzergenossenschaft. 1902 vom Ortspfarrer Steinheuer zur Behebung der Weinabsatzkrise gegründet. Heute Gästehaus.
Drillesplatz (Drillesplatz)
Stätte der Bestrafung von Übeltätern. Im „Drilles“, einem um die vertikale Achse drehbaren Holzkäfig.
Henrichs-Stiftung (Marktstraße, Drillesplatz, Brunnenstraße)
Gebäude der Geschwister Henrichs. Erbaut nach dem Dorfbrand von 1839. Rechts: Kloster Margarethenheim, früher Altenheim – Entbindungsstation – Kindergarten, heute kirchliche Begegnungsstätte. Links: Privatbesitz, früher Winzerhaus, heute Restaurant Schinkenkeller.
Kölner Höfe (Altmai)
Die ältesten in Senheim bekannten Höfe. 1140 durch Erzbischof Arnold begründet. Links: „Fronhof“. Rechts: „Großes Kelterhaus“ und zurückliegend der „Zehnthof“. Heute: Wohnhäuser.
Kölnisches Großkelterhaus (Altmai)
mit Kreuzgewölbekeller. Von 1140 – 1800 gehörte diese Anlage zu den Kölner Höfen. Das Gebäude wurde im frühen 19. Jh. erbaut.
Fachwerkhaus (Altmai)
Dieses Haus hat als einziges in der Häuserreihe zwei Katastrophen überstanden: Den großen Dorfbrand von 1839 und den Brand von 1888. Goldraul. Raul = Sträßchen, Teil des ehemaligen Straßennetzes vor dem großen Brand am 13.8.1839
Gemeindehaus (Am Gestade)
Stattlich repräsentativ gestalteter Bruch-Steinbau, errichtet in der 2ten Hälfte des 19. Jhs. Zweizügige Dorfschule bis 1971, jetzt Gemeindehaus.
Sunderhof (Am Gestade)
1480 von Irmgard Sunder als Erbteil erhalten. Als Helfensteiner Hof bekannt. Ab 1638 in kurtrierischem Besitz, wird in Sunderhof umbenannt, heute Restaurant.
Weinmuseum (Zeller Straße)
Nach Plänen von Otto Finé 1927 erbaut. Seltenes Beispiel expressionistischer Architektur an der Mosel. Bemerkenswert der ehem. Hochzeitssaal, heute Teil des Weinmuseums
Amtsverwaltung (Zeller Straße)
1894 erbautes Verwaltungsgebäude der 1818 gegründeten Bürgermeisterei Senheim. Spätere Bezeichnungen: „Bürgermeisterei“, „Amtsverwaltung“ und zuletzt „Verbandsgemeinde“. Im Zuge der Gebietsreform 1970 nach Cochem verlegt.
Gendarmerie (Zeller Straße)
1912 aus Mitteln der C. J. Henrichsstiftung als Wohnhaus gebaut und an das Land Preußen vermietet. Von 1942 – 1969 Dienstwohnung des Gendarmerie-Postens.
(Anmerkung: Gebaut nach den Plänen von Otto Finé)
Oberst-Häuschen (Zeller Straße, Schober Weg)
Genannt 1607, um 1700 auf älterem Gemäuer aufgebaut. Gekreuzigter Christus – 15. Jh. neue Farbfassung. Ziel unterschiedlicher Bittprozessionen.

In Senhals

Altes Fährhaus (Fährstraße)
Typisches Fachwerkhaus des 18. Jh. Moselseitig ein Fachwerkerker mit Schweifgiebel. Brüstung mit Wappen von 1780, heute Ferienhaus.
Winzerhaus (Fährstraße)
Fachwerkhaus mit Mansarddach 1747. Fachwerkgefüge geprägt durch Fußstreben mit Gegenstreben. Noch heute Wohnhaus und Weingut.
Backes und Eiskeller (Kehrstraße)
Altes Backhaus von Senhals, 2002 als Begegnungsstätte eingerichtet. Der sogenannte „Eiskeller“ – ein kühler Lagerraum.
Kultur-Historisches-Privatmuseum Adams (Moselweinstraße)
im ehemaligen Landwirtschafts- und Weingutshof sowie Fuhrbetrieb Antoni.

Der Rheinische Verein wünscht allen Mitgliedern eine gute Zeit und hofft, in naher Zukunft wieder zu Exkursionen zu unserem großen kulturellen Erbe einladen zu können.

 

Ein Bericht von
Gerhard Schommers
Regionalverband Cochem-Zell

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Schatzmeister

Rudolf Conrads

Bankkaufmann, Dipl.-Betriebswirt, Dipl.-Volkswirt

Thematische Schwerpunkte

  • Finanzen des RVDL
  • Leitung der Marianne von Waldthausen Geächtnis-Stiftung
  • Pflege / Inwertsetzung der RVDL-Burgen
  • Weiterentwicklung der Verzahnung des Gesamtvereins mit den Regionalverbänden
  • Kreativer Partner für die Vorstände der Regionalverbände

Regionale Verantwortung

  • Schatzmeister im Freundeskreis der Burg Stahlberg e.V.
  • Schatzmeister im Freundeskreis der Burg Virneburg e.V.
  • Vorstandsmitglied im RVDL Regionalverband  Köln
  • Beiratsmitglied im RVDL Regionalverband Rhein/Mosel/Lahn
  • Vorsitzender des Beirats der Stiftung Lahn-Marmor-Museum

Kontakt

rudolf.conrads(at)rheinischer-verein.org